Ein Professor, zwei Doktortitel, eine chirurgische Karriere. Und auf dem Klingelschild steht nur der Nachname. Nicht aus Bescheidenheit, nicht aus Strategie. Sondern weil die Angst, wie ein bestimmter Typ Mensch zu wirken, jahrelang größer war als der Stolz auf das Erreichte.

Worum es in dieser Folge geht

Wir reden über Erfolg und Reichtum. Nicht in der abstrakten Variante, sondern ganz konkret: Was zählen wir zu unseren Erfolgen? Warum fällt es uns schwer, das laut zu sagen? Was bedeutet Reichtum, wenn man in einer schönen Wohnung in Kopenhagen sitzt und trotzdem das Gefühl haben könnte, es reiche nicht? Und warum ist die Frage eines Fünfjährigen vielleicht klüger als alles, was Ratgeber dazu schreiben.

Der Professor, der seinen Titel versteckt

Die akademischen Buchstaben stehen auf Instagram. Im Gespräch fallen sie selten. Nicht weil sie unwichtig wären. Die Titel erfüllen einen Zweck: Sie sind Voraussetzung für Forschungsgruppen, für eingeworbene Gelder, für die Position, die man innehat. Aber sie sind kein Teil der Identität, den man vor sich herträgt.

Dahinter steckt mehr als Understatement. Da ist die Erinnerung an einen Cellisten, der als Sinnbild für eine bestimmte Art von Musiker steht: egozentrisch, selbstverliebt, ein bisschen arrogant. Die Reaktion darauf war jahrelang: Bloß nicht so wirken. Lieber gar nicht erwähnen. Die Bescheidenheit wuchs stärker als beabsichtigt.

Das interessante Moment kam mit der Erkenntnis, dass die Ablehnung des Cellisten auch etwas anderes war: heimlicher Neid. Er traute sich etwas, das man sich selbst verbot. Stolz sein. Sichtbar sein. Raum einnehmen. Erst als das durchdrungen war, ließ sich die Scham auflösen.

Es gibt dieses Bild mit der Reisschüssel: Ein Kind findet einen schwarzen Stein im süßen Reis und wirft die ganze Schüssel weg. Die Mutter sagt: Wirf den Stein raus, nicht die Schüssel. Aus Angst, eine negative Eigenschaft zu haben, wirft man manchmal alles Positive gleich mit weg.

Kann man immer glücklich sein?

Die Frage kam von unserem Fünfjährigen. Abends, zwischen Zähneputzen und Einschlafen. Einer der Jungs hatte gesagt: Man kann nicht immer glücklich sein.

In der Theorie schon. Wenn man es schafft, Emotionen wahrzunehmen und ziehen zu lassen, ohne darin gefangen zu werden. Praktisch ist das die schwerste Übung, die es gibt. Aber vielleicht bedeutet Glück auch nicht permanentes Strahlen. Vielleicht ist Gleichmut schon Glück. Annehmen, was da ist.

Dazu passt ein Strichmännchen-Comic, der hängengeblieben ist. Schlecht gezeichnet, aber der Punkt sitzt: Ein Männchen hat etwas Leuchtendes im Bauch, auf dem "Glück" steht. Das andere Männchen fragt: Wo hast du das her? Antwort: Das habe ich selbst gemacht.

Reichtum beginnt dort, wo man im Wenigen viel sieht. Das klingt nach Glückskeks, und wahrscheinlich ist es einer. Aber es stimmt trotzdem. In einer schönen Wohnung in Kopenhagen zu sitzen und sich nicht reich zu fühlen, wäre schlicht dumm. Genauso dumm wie die Behauptung, Geld mache grundsätzlich nicht glücklich. Natürlich kann Geld bis zu einem gewissen Grad Glück kaufen. Wer das Gegenteil behauptet, hat wahrscheinlich genug davon.

Der Raum in Barcelona: Warum Offensichtliches nicht offensichtlich ist

Bei einem Transplant-Immunologie-Training in Barcelona gab es einen Persönlichkeitstest der anderen Art. Keine Fragebögen, sondern: Eine Situation wird geschildert, zwei mögliche Bewertungen, und je nach Antwort stellt man sich in die eine oder andere Ecke des Raums.

Die erste Frage: sonnenklar. Man steht auf seiner Seite und denkt, wie zum Henker kann man das anders sehen? Die Hälfte des Raums steht drüben. Man klopft dem Nachbarn auf die Schulter: Wir sind auf der richtigen Seite. Nächste Frage. Derselbe Nachbar geht rüber. What? Wir waren doch gerade einig!

Das war witzig und gleichzeitig ernüchternd. Optisch sichtbar wurde, dass man Dinge komplett anders sehen kann, mit voller Überzeugung, und dass der Mensch, mit dem man gerade noch einer Meinung war, bei der nächsten Frage auf der anderen Seite steht. Und keiner von beiden liegt falsch.

Das gilt auch für die Definition von Erfolg. Was für den einen das Haus mit Garten ist, ist für den anderen die Freiheit, von überall arbeiten zu können. Was für den einen die akademische Laufbahn ist, ist für den anderen das FIRE Movement, bei dem man mit 40 aufhört zu arbeiten. Keiner muss die Definition des anderen übernehmen.

Arbeit darf Spaß machen. Wirklich.

Das klingt banal, aber der Satz erzeugt Widerstand. Arbeit wird kulturell als Belastung gerahmt. Burnout, Stress, die Vier-Tage-Woche als Erlösung. Das alles gibt es, und das alles ist real. Aber daneben gibt es auch das: Arbeit, die sinngebend ist. Die gesund hält, statt krank zu machen. Die sich anfühlt wie Spielen.

Wir kennen das beide. Keiner von uns strebt an, nicht zu arbeiten. Der Kreationsmodus ist kein Zwang, sondern Antrieb. Im Urlaub müssen wir uns die Hände festbinden, damit wir nicht sofort wieder anfangen, Dinge zu erschaffen. Das mag nicht normal sein. Aber es macht glücklich.

Phil Knight, der Nike-Gründer, hat sinngemäß gesagt: Wenn Arbeit wie Spielen ist, dann spiel den ganzen Tag. Das setzt allerdings voraus, dass man irgendwann die Teile abgibt, die keinen Spaß machen. Und dass man den Mut hat, sich eine eigene Definition von Erfolg zu erlauben, statt die der Elterngeneration, der Gesellschaft oder des Instagram-Feeds zu übernehmen.

Nicht der Weg ist das Ziel. Sondern die Person, die man wird

Der Satz "Der Weg ist das Ziel" ist so abgedroschen, dass man ihn kaum noch hören kann. Eine schönere Variante: Es geht nicht um den Weg zum Ziel. Es geht um die Person, die man werden muss, um das Ziel erreichen zu können. Der Prozess der Entwicklung ist das eigentliche Ergebnis.

Das hat praktische Konsequenzen. Wenn ein Ziel nicht erreicht wird, ist das kein Scheitern, sondern ein Nebeneffekt davon, dass das Leben sich nicht an Bebauungspläne hält. Mit 28 geheiratet, mit 29 das erste Kind, mit 35 das Haus. Schön ausgedacht. Aber das Leben spielt anders, und es wäre absurd, davon enttäuscht zu sein.

Was bleibt: Die eigene Definition ernst nehmen. Reflektieren, was man wirklich will, statt nach links und rechts zu schauen und die Definition der anderen zu übernehmen. Und akzeptieren, dass sich diese Definition über die Jahre ändern darf.

Die wichtigsten Gedanken in Kürze

  • Titel sind Werkzeuge, keine Identität. Sie öffnen Türen, aber sie definieren nicht, wer man ist.

  • Die Angst, wie jemand zu wirken, kann dazu führen, dass man sich selbst unsichtbar macht. Manchmal steckt hinter der Ablehnung eines Vorbilds versteckter Neid.

  • Reichtum beginnt dort, wo man im Wenigen viel sieht. Klingt nach Glückskeks, stimmt aber trotzdem.

  • Man kann Dinge komplett anders sehen als der Mensch neben einem. Und beide haben recht. Die Barcelona-Übung macht das physisch sichtbar.

  • Arbeit darf Spaß machen, und das ist keine privilegierte Illusion. Arbeit kann sinngebend und gesundheitsfördernd sein, nicht nur belastend.

  • Nicht der Weg ist das Ziel, sondern die Person, die man auf dem Weg wird. Der Entwicklungsprozess ist wertvoller als das Erreichen eines fixen Punktes.

Häufige Fragen

Wie findet man seine eigene Definition von Erfolg?
Nicht indem man nach links und rechts schaut, was andere als Erfolg definieren. Sondern indem man sich fragt, was man wirklich will, wenn niemand zuschaut. Das kann sich von Titel und Geld stark unterscheiden. Für manche ist Freiheit der Maßstab. Für andere ist es, Eltern und Berufstätige gleichzeitig sein zu können, ohne dass beides darunter leidet.

Muss man immer ambitioniert sein, um erfolgreich zu sein?
Nein. Erfolg kann auch bedeuten, bewusst nicht mehr zu wollen. Manche definieren Erfolg über die Zeit, die sie haben, nicht über das, was sie leisten. Das FIRE Movement ist ein Beispiel dafür. Entscheidend ist, dass die Definition die eigene ist, nicht die von außen aufgedrückte.

Wie geht man damit um, wenn der Partner eine andere Definition von Erfolg hat?
Darüber reden. Viel. Wir haben von Anfang an besprochen, wer wie viel arbeiten will, wer sich was nicht nehmen lassen kann, was nicht verhandelbar ist. Das hat nicht immer zu einfachen Antworten geführt, aber es hat dafür gesorgt, dass wir die gleiche Richtung kennen, auch wenn unsere Wege manchmal unterschiedlich aussehen.

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Diese Folge startet bei Cluburlaub-Erinnerungen und landet bei der Frage, ob man immer glücklich sein kann. Der Weg dazwischen lohnt sich.

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