"Tausche deine Angst gegen Neugier." Das war als Witz gemeint, der Titel unseres angeblich nächsten Buches. Aber je länger wir darüber reden, desto mehr steckt darin. Zehn Tage nach der Geburt unseres vierten Kindes sitzen wir hier, zu sechst inzwischen, und sind nicht das erschöpfte, ausgebrannte Klischee. Warum? Weil wir vieles losgelassen haben, was uns eigentlich Sicherheit geben sollte.

Worum es in dieser Folge geht

Es ist unsere erste Folge nach der Geburt. Wir wollten über Bedürfnisse reden, jetzt von sechs Menschen, und darüber, was sich mit Erfahrung ändert. Herausgekommen ist eine Gegenerzählung zu den Klischees rund um Schwangerschaft, Geburt und Wochenbett. Nicht ausgedacht, sondern aus vier Schwangerschaften gelernt. Es geht um Vertrauen statt Kontrolle, um die Rolle des Vaters und um die Frage, ob wir das Hinhören auf uns selbst überhaupt noch können oder es verlernt haben.

Warum wir aufgehört haben, alles zu tracken

Bei unserer ersten Tochter haben wir alles getrackt. Rechts oder links gestillt, wie lange, feuchte Windel oder nicht, alles in Apps. Angeblich soll sich mit genug Daten ein Muster zeigen, ein Rhythmus deines Babys. Bei uns sah das aus wie ein Jackson Pollock. Kein Muster, gar nichts. Und damit man sich erinnert, welche Seite zuletzt dran war, wandert ein Haarreif ans Handgelenk. Was für ein Druck, gerade für die Mutter.

Beim vierten Kind machen wir es bedürfnisorientiert. Wenn sie weint, wird gestillt. Wenn sie schläft, schläft sie. Dahinter steckt eine größere Frage: Brauchen wir diese Kontrolle, oder können wir vertrauen? Nicco erinnert sich an seinen Vater, der auf die Frage, nach welchem Erziehungsbuch er erziehe, nur sagte: nach Herz und Verstand. Dieser Weg zur Intuition ist der eigentliche Punkt. Er ist nicht bequem. Wer sagt "hör auf dein Gefühl", bekommt schnell zu hören: "Dann esse ich ja nur noch Schokolade." Intuition ist kein Freibrief, sie ist ein Weg. Wir üben ihn mit unseren Kindern, indem wir fragen: Tut dir das gut, geht es dir danach besser? Wenn es dir nach etwas immer schlecht geht, ist es vielleicht nicht schlau, es dauernd zu essen.

Der Vater ist nicht nur Zaungast

Dieses Jahr hatten wir ein Wochenbettbuch, "Die ersten 40 Tage", mit chinesisch-naturheilkundlichem Einschlag. Nette Rezepte, Hühnersuppe und Co. Und doch, wie in vielen naturheilkundlichen Systemen, ist da ein sehr paternalistischer Ton. Nur die Mutter hat die enge Verbindung, die Frauen glucken in der Küche zusammen, der Vater kommt praktisch nicht vor. So ein Quark.

Wir sehen das anders, weil wir es anders leben. Skin to Skin, in Dänemark ausdrücklich empfohlen, machen bei uns nicht nur die Mutter, sondern auch der Vater und alle Geschwister. Rudelschmusen. Direkt nach der Geburt lag sie auf Katharinas Brust, fünf Minuten später bei Nicco. Katharina sagt, sie bewundert es, wie Nicco von Sekunde eins Bindung findet und die Kleine beruhigt, ohne stillen zu können. Bleibt eine ehrliche Grenze: gegen akuten Hunger hilft kein Tanzen und Singen. Ab einem Punkt stillt nur die Mutter, und das ist abends, kurz vor dem Schlafen, manchmal ein kleiner Stressmoment. Aber die Idee, ein Vater könne am Anfang nichts beitragen, entmündigt ihn von vornherein. Die Frage ist nur: Traut die Mutter es dem Mann nicht zu, oder traut sich der Mann es selbst nicht zu?

Angst gegen Neugier tauschen

Die ganze Schwangerschaft wird man mit Stereotypen konfrontiert. In diesem Trimester bist du hormonell so, in jenem beschwerlich, im dritten kommen die Rückenschmerzen, und alles muss angeblich genau so sein. Katharina fand das nie befreiend, sondern einengend. Man vergisst darüber, hinzuspüren, was gerade wirklich passiert.

Das Gegenteil von Vorfreude ist Vorangst, und die macht zu. Wer sich fünf No-Gos für die Geburt setzt, auf keinen Fall Kaiserschnitt, auf keinen Fall Krankenhaus, klammert sich an Bedingungen, die er nicht beeinflussen kann. Genau daraus entsteht Stress. Katharina hat Nicco vorher gebeten, sie unter der Geburt daran zu erinnern, das Gesicht zu entspannen, sich nicht zu wehren, offen zu bleiben. Ihr Ansatz über vier Geburten: offen für alles. Bei der ersten wusste sie nicht, was kommt, und war bereit für eine PDA, falls nötig. Ab der zweiten wusste sie, dass sie es aushalten kann. Sie hat nie die Hechelatmung gelernt und trotzdem vier Kinder ruhig entbunden. Ihr Satz dazu: Mein Körper hat immer recht. In einer Geburt, wo du mit dem Kopf nichts lösen kannst, ist das Sichhingeben an den Körper genau das Richtige.

Natur ist knallhart, das Krankenhaus keine Gewaltmedizin

Es gibt die romantische Vorstellung: Kerzen, gedimmtes Licht, beigefarbene Kissen, die Doula links, der Mann rechts, die Kinder schauen lächelnd zu, und dann ploppt das Lebensglück aus dir heraus. Wenn das so läuft, ist es ein Promillefall. Wir haben über die Jahre eher das Muster gesehen: Je konkreter der Plan, desto schmerzhafter und gegenteiliger die eigentliche Geburt, weil man sich daran festklammert.

Natur ist nicht lieb und idyllisch, Natur ist knallhart. Geburt ist kein Panflötenkonzert, sondern einer der extremsten Zustände überhaupt, mit über Jahrhunderte hoher Sterblichkeit bei Müttern und Kindern. Wer im Wald allein im Eisbach gebären will, weil das näher an der Natur sei, geht ein vermeidbares Risiko ein. Gleichzeitig ist es unfair, moderne Geburtsmedizin pauschal als Gewaltmedizin abzuschreiben. Kein Mensch geht ins Krankenhaus, um anderen zu schaden. Dass Personal überlastet ist und Kommunikation besser sein könnte, steht außer Frage. Unser pragmatischer Weg: ein Krankenhaus mit Neugeborenenintensivstation, keine großen Erwartungen, Kaiserschnitt oder Schmerzbehandlung, wenn nötig. Läuft alles gut, gehen wir nach Hause. Läuft es nicht, zählt jede Minute, und dann ist alles da. In genau diesem Kreißsaal aus den 70ern, mit alten Geräten und ohne Plüsch, hat Katharina sich großartig gefühlt und bei jedem zweiten Satz gesagt: Ich freue mich so aufs Baby.

Am Ende lief die entscheidende Phase auf Dänisch, Nicco im Schwitzkasten, auf den Knien, den Arm wie ein Schraubstock, acht Minuten lang nur Wand und Nacken im Blick. Zwei Vokabeln kannten beide im entscheidenden Moment nicht, also übersetzte er, was er glaubte, dass die Hebamme meinte. Es hat fantastisch funktioniert.

Die wichtigsten Gedanken in Kürze

  • Tracking-Apps geben oft Kontrolle vor und liefern kein Muster. Bei uns kam ein Jackson Pollock heraus, kein Rhythmus.

  • Intuition ist kein Freibrief, sondern ein Weg. Man erkennt sie daran, ob etwas einem hinterher wirklich gut tut.

  • Der Vater ist von Sekunde eins bindungsfähig. Skin to Skin geht auch mit Vater und Geschwistern, nicht nur mit der Mutter.

  • Das Gegenteil von Vorfreude ist Vorangst. Ein starrer Geburtsplan macht die Geburt oft schmerzhafter, nicht sicherer.

  • Natur ist knallhart. Sicherheit bei der Geburt ist kein Bereich für romantische Experimente.

  • Mein Körper hat immer recht. In der Geburt löst der Kopf nichts, das Sichhingeben schon.

  • Unterstelle deinem Partner und deinen Kindern die bestmögliche Absicht. Hinter einem Breakdown steckt selten Boshaftigkeit.Episode anhören und abonnieren

Häufige Fragen

Warum habt ihr das Tracken mit Apps aufgegeben?
Weil es bei uns Druck erzeugt hat, ohne Nutzen. Bei der ersten Tochter haben wir Stillseiten, Dauer und Windeln akribisch protokolliert, in der Hoffnung auf ein Muster. Es sah aus wie ein Jackson Pollock, kein erkennbarer Rhythmus. Beim vierten Kind stillen wir, wenn sie weint, und lassen sie schlafen, wenn sie schläft. Bedürfnisorientiert statt datengetrieben.

Was meint ihr mit "Angst gegen Neugier tauschen"?
Dass Vorangst zumacht und Neugier öffnet. Statt sich vor Trimester-Beschwerden oder Geburtsszenarien zu fürchten, die man gehört hat, sagen wir lieber: Ich schau mal, wie es wird. Katharina hat Nicco sogar gebeten, sie unter der Geburt daran zu erinnern, das Gesicht zu entspannen und offen zu bleiben, statt sich zu wehren.

Warum entbindet ihr bewusst im Krankenhaus, obwohl ihr viel mit Yoga und Intuition arbeitet?
Weil Natur nicht idyllisch, sondern knallhart ist und Geburt historisch hohe Sterblichkeit hatte. Wir haben keine großen Erwartungen und keinen starren Plan, sondern wählen ein Krankenhaus mit Neugeborenenintensivstation. Läuft alles gut, gehen wir nach Hause. Läuft es nicht, zählt jede Minute. Dieses Risiko ist für uns vermeidbar.

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Wenn dich Klischees rund um Schwangerschaft und Geburt schon immer skeptisch gemacht haben, ist diese Folge für dich. Wir erzählen ehrlich, was uns getragen hat, ohne Ratgeberton. Teile sie mit jemandem, der gerade das erste oder vierte Kind erwartet.

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