Lange vor den Kindern sind Katharina und ich in den Bergen wandern gegangen. Wir waren zu spät dran, hatten eine Flasche Wasser dabei und nichts zu essen, und ich bin vom Weg abgekommen. Irgendwann bin ich vorausgelaufen. Meine Erklärung damals: um sie zu motivieren. Sie war müde, erschöpft und vor allem sauer, weil ich nicht gewartet habe. Zu Recht.

Sie hat es Jahre später auf einen Satz gebracht: Ich hätte dasselbe Gefühl von Kontrolle haben können, wenn ich einfach ihre Hand genommen hätte.

Alte Muster kommen zurück, wenn die Kraft weg ist

Ich bin darauf gekommen, weil ich einen Artikel über Alpine Divorcing gelesen habe. Ein Buzzword für die Beobachtung, dass Bergtouren Paare in Konflikte bringen. Es gibt Berichte von Frauen weltweit, deren Partner sie zu Touren überredet haben, die über ihrem Leistungsniveau lagen, und die dann unterwegs zurückgelassen wurden. Der Extremfall, über den es einen Spiegelartikel und ein Gerichtsverfahren gibt, endete am Großglockner tödlich. Die Bergwacht sagt allerdings, dass sie statistisch keine Häufung sieht. Es ist also kein Trend, sondern eine Beobachtung mit Einzelfällen.

Interessant fand ich die Erklärung einer Psychologin im Interview: In Stresssituationen, unterzuckert und erschöpft, fällt man in alte Muster zurück. Mann geht vor, Frau ordnet sich unter. Ich weiß nicht, ob das für alle stimmt. Für unsere Wanderung stimmt es ziemlich genau. Und im Nachhinein ist man immer schlauer.

Der Film, der alles umdreht

Der Anlass für die ganze Folge war der Film Ladies First. Ein selbstherrlicher Marketingmanager wacht in einer Welt auf, in der jedes Klischee exakt gespiegelt ist. Der nackte Mann auf der Waschmittelwerbung am Bus. Hodenhalter statt BH. Der Mann muss erst durch eine Beautystraße, bevor er ernst genommen wird. Die Frauen bestellen Steak, die Männer sitzen beim Salatblatt. Die Göttin, die Tochter und die heilige Geistin.

Man kann das lächerlich finden. Ich habe gedacht, dass mir das alles bewusst ist. Durch die Überzeichnung wird es noch einmal auf einer anderen Ebene deutlich. Es geht dabei nicht um eine Rechnung für die letzten zweitausend Jahre. Minus mal Minus ergibt hier kein Plus. Die Generation, die gerade da ist, kann am wenigsten dafür.

Nicht jeder falsche Satz ist böse gemeint

Der zweite Film, den wir empfehlen, heißt Der Spitzname. Da sitzen Leute an einem Tisch, alles wird zum Reizthema, und trotzdem bleiben sie sitzen und diskutieren weiter, generationsübergreifend. Genau das fehlt mir in den meisten dieser Debatten.

Katharina hat den Punkt schärfer formuliert als ich: Das Problem beginnt, wenn man dem anderen sofort Vorsatz unterstellt. Manchmal ist es unreflektiert, manchmal einfach Unwissen. Sie weiß selbst nicht immer, welche Formulierung gerade die richtige ist, und fragt lieber nach, statt zu schweigen. Wenn man daraus ein Grundsatzding macht, wir gegen die, dann tänzelt man nur noch auf Zehenspitzen umeinander herum, und genau das trennt uns.

Ein Kind zeigt im Bus auf einen Mann im Rollstuhl und sagt genau das: Da sitzt ein Mann im Rollstuhl. Wir zischen dann, es soll nicht mit dem Finger zeigen. Dabei hat das Kind nichts Böses gesagt. Man könnte auch hingehen und fragen, wie es ihm geht.

Wir haben in Boston einem Obdachlosen eine Fahrkarte anbieten wollen und wurden dafür beschimpft. Das war eine schlechte Erfahrung mit einem Menschen. Sie steht nicht für alle anderen. Erfahrungen zu verabsolutieren macht Scheuklappen und am Ende nur Angst.

Führung heißt nicht, keine Schwäche zu zeigen

Vieles davon läuft bei mir am Ende auf Führung hinaus, und zwar nicht im Sinne von Chefsein. Führung unter Druck gibt es in der Chirurgie, am Berg, mit Kindern und zu zweit in einer Stresssituation. Der größte Hebel ist Vorbereitung. Man kann nicht alles planen, aber man kann sich Szenarien bewusst machen. Michael Phelps hat einen großen Teil seines mentalen Trainings damit verbracht, sich vorzustellen, was schiefgehen kann, bis hin zur vollgelaufenen Schwimmbrille. Als es passiert ist, hatte er eine Variante C. Das löst das Problem nicht, aber es nimmt den Druck heraus.

Der zweite Teil ist unbequemer. Als Kind habe ich beim Segeln erlebt, wie mein Vater in einer Hafenströmung das Steuer losgelassen hat, und ich habe angefangen zu weinen, weil ich ihn zum ersten Mal ohne Kontrolle gesehen habe. Ich glaube trotzdem, dass wir vor unseren Kindern weinen dürfen und sagen dürfen, dass wir erschöpft sind. Ein Vater, der weinen darf, ist für unsere Söhne ein besseres Bild als einer, der nie Schwäche zeigt.

Die wichtigsten Gedanken in Kürze

  • Bei Reizthemen sitzen bleiben, auch wenn es unangenehm wird. Verstehen heißt nicht zustimmen.

  • Vorsatz zu unterstellen beendet fast jedes Gespräch. Unwissen ist die wahrscheinlichere Erklärung.

  • Eine schlechte Erfahrung mit einem Menschen ist keine Aussage über eine Gruppe.

  • Szenarien vorher durchdenken nimmt in der echten Situation den größten Teil des Drucks.

  • Verantwortung tragen und zugeben, dass es schwerfällt, schließt sich nicht aus.

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Wir hatten uns vorgenommen, über Sexismus zu sprechen, und waren uns von Anfang an einig, dass wir dabei nur verlieren können. Es ist trotzdem eine unserer offensten Folgen geworden, mit zwei Filmempfehlungen und einem Streit von vor über zehn Jahren, den wir zum ersten Mal öffentlich auseinandernehmen.

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