Kurz vor dem Einschlafen lese ich unserem Großen eine Gutenachtgeschichte vor, faul aus dem Internet gefischt. Böse Hexe, widerliche Stiefmutter, Kinder, die weggenommen werden. Ich lasse beim Vorlesen jedes zweite Wort weg. Das ist nichts zum Einschlafen. Und während ich da live zensiere, wird mir klar: Den ganzen Tag entscheide ich, was ich in mein System lasse. Welche Bilder, welche Gedanken, welche Geräusche. Nur selten merke ich es so deutlich wie um acht Uhr abends mit einem Märchenbuch in der Hand.
In dieser Podcast-Folge sprechen wir über innere Klarheit und Aufmerksamkeit, über mentale Vorbereitung im Spitzensport und im OP, über Social Media als öffentliches Tagebuch und über die Frage, warum man eine Wahrheit in einem Lebensbereich verstehen und sie überall sonst trotzdem vergessen kann.
Worum es in dieser Folge geht
Wir starten beim Weinen vor Kinderfilmen und landen bei Michael Phelps und einem Chirurgen im OP. Dazwischen liegt ein roter Faden: Wir kuratieren ständig unser Inneres. Was wir konsumieren, was wir zeigen, wohin wir unsere Aufmerksamkeit lenken, welchem Gedanken wir glauben. Das Schwierige ist nicht, das einmal zu verstehen. Das Schwierige ist, es überall zu leben und nicht nur dort, wo wir uns längst auskennen.
Warum Kinder das Fürchten nicht lernen müssen: Über Märchen, Horror und Eckhart Tolle
Kinder müssen das Fürchten nicht lernen. Das Leben liefert genug echte Gründe für Vorsicht, da muss man die Angst nicht künstlich züchten, schon gar nicht beim Einschlafen. Auf reale Gefahren weisen wir unsere Kinder selbstverständlich hin. Das ist etwas anderes, als sich zum Spaß zu gruseln.
Eckhart Tolle, der Autor von „The Power of Now", hat einmal gesagt, er finde es absurd, dass der Mensch die einzige Spezies ist, die Vergnügen daran findet, anderen beim Leiden zuzusehen. Genau das tragen Horror und Thriller in sich. Nicco konnte das noch nie. Schon Trailer mit psychologischer Folter haben ihm gereicht, während seine Peergroup das cool fand. Das Argument, Horror sei Katharsis, kauft er nicht ab. Ein Thriller, bei dem man mitfiebert und danach erleichtert ist, gut. Aber sich so zu fürchten, dass Bilder im Kopf hängenbleiben? Was das mit einem macht, ob Abstumpfen sogar den Charakter beschädigt, wissen wir ehrlich gesagt nicht. Wir lassen die Frage offen.
Was du in dein System lässt: Ayurveda, Schwangerschaft und die Energie von Orten
In der Schwangerschaft wird die Frage, was man hereinlässt, körperlich. Bei einer ayurvedischen Massage habe ich gelernt, dass Ayurveda gerade Schwangeren rät, besonders streng zu filtern. Nicht nur beim Essen, sondern auch bei Stress und Gedanken, weil sich beides auf das Baby überträgt. Man muss das nicht wörtlich glauben, um den Kern zu erkennen: Was du konsumierst, formt dich.
Ich bin ohnehin empfindlich für Energien. Manche Orte, Menschen und Atmosphären lassen mich aufblühen, andere saugen mich leer. Lärm, Dreck, Hässlichkeit. Ich richte meine Aufmerksamkeit bewusst auf das, was mir Kraft gibt, und blende das andere so weit es geht aus. Das ist keine Flucht. Das ist Haushalten mit der eigenen Energie.
Heile Welt auf Instagram: Echtes Weltbild oder geschönt?
Mein Instagram sieht aus wie heile Welt, und das ist nicht gefaked. Es ist mein echter Blick. Ich halte mich an den schönen Orten fest und tanke dort. Der naheliegende Vorwurf lautet: zu blauäugig, zeigt nur die Sonnenseite. Aber die Gegenbewegung finde ich genauso einseitig. Dieses „real motherhood", das nur noch Schwangerschaftsstreifen und die Spüle voller Dreckgeschirr zelebriert, kippt ins andere Extrem. So ist es eben auch, aber nicht nur. Wie so oft im Leben liegt die Wahrheit in der Balance.
Mir geht es um den Unterschied zwischen Inszenierung und Aufrichtigkeit. Ich teile in der Retrospektive, nachdem ich ein Gefühl durchlebt habe. Ich stelle mich nicht hin und weine live in die Kamera. Erst verarbeiten, dann vielleicht teilen. Ein therapeutisches Werkzeug ist das nicht. Aber es ist schön, wenn etwas mit anderen resoniert oder ihnen sogar hilft.
Nicco macht im Grunde dasselbe, nur nennt er es nicht Social Media, sondern Newsletter und LinkedIn. Er teilt einen Gedanken und freut sich über Feedback. Das ist dieselbe Bewegung. Vom Blog zum Vlog zu immer kürzeren Formaten, am Ende bleibt ein öffentliches Tagebuch. Und ja, manche Leute livestreamen den Schwangerschaftstest von der Toilette. Das ist uns dann doch zu viel.
Mentale Vorbereitung: Was Michael Phelps und ein Chirurg gemeinsam haben
Die Leute, die unter Druck ruhig bleiben, sind nicht die, die nicht an die Katastrophe gedacht haben. Es sind die, die sie im Kopf schon durchlebt haben. Michael Phelps hat vor seinen Rennen nicht nur den perfekten Lauf visualisiert, sondern auch den Ernstfall. Bei den Olympischen Spielen 2008 lief ihm im Finale die Schwimmbrille voll Wasser. Er schwamm quasi blind und holte trotzdem Gold mit Weltrekord, weil er genau dieses Szenario vorher im Kopf hatte.
Nicco erlebt dasselbe Prinzip im OP. Der Unterschied zwischen einem sehr guten und einem mittelmäßigen Chirurgen ist nicht Tempo überall. Der Sehr-gute operiert blitzschnell dort, wo nichts in Gefahr ist, weil er die Anatomie auswendig kennt. Und er nimmt sich genauso viel Zeit wie alle anderen dort, wo es heikel wird, bei den Nerven und Gefäßen, die er verletzen könnte. Für seine Assistenzärzte hat er dafür „Surgery Cards" gebaut: Plan A ist der beste Ausgang, Plan B der Notnagel, Plan C die letzte Rettung. Dazu eine Liste der „Structures and Dangers". Der Unerfahrene ist überall langsam, weil ihm die Basis fehlt, um zu wissen, wo er es sich leicht machen darf.
Das Schöne daran ist die Wirkung aufs Nervensystem. Du musst nicht permanent auf Hochspannung sein. Du darfst schnell und entspannt sein, wo es sicher ist, und deine Wachheit für die echten Gefahrenstellen aufsparen.
Warum du eine Wahrheit überall vergessen kannst: „This time is different"
Du kannst ein Prinzip in einem Lebensbereich vollständig verstanden haben und es im nächsten komplett vergessen. Nicco sagt es selbst: Im OP macht er das jedes Mal. In den anderen Ecken seines Lebens längst nicht. Mir ging es beim Geigen genauso. Ein Mentalcoach fragte mich einmal, warum ich mit meinen Gedanken ausgerechnet dorthin gehe. Und ich, die genau weiß, dass man nicht jedem Gedanken folgen muss und dass nicht jeder Gedanke wahr ist, dachte in dem Moment: Moment, aber dieser Gedanke stimmt doch. Das ist der Trick, den der Kopf immer wieder zieht. „This time is different." Dabei ist es überhaupt nicht anders.
Was hilft, sind kleine Oasen. Wenn wir nachts mit dem Zug in Berlin ankommen, freue ich mich schon auf den Kaffee am Morgen, und die Anstrengung zieht an mir vorbei. Gerade ist auch das Zuhause so eine Oase. Die Kinder sind da, meine kleinen Küken, die groß werden, und für einen Moment lauert keine Gefahr. Dann darf ich durchatmen. Und an den heiklen Stellen bin ich eben wieder wach. Wie ein guter Chirurg, nur dass die Operation hier das ganz normale Leben ist.
Die wichtigsten Gedanken in Kürze
Kinder müssen das Fürchten nicht lernen. Reale Gefahren erklären ist etwas anderes, als künstlich Angst zu erzeugen.
Was du konsumierst, formt dich. In der Schwangerschaft wird dieser Satz buchstäblich körperlich.
Ein heile-Welt-Instagram kann ehrlich sein, wenn es der eigene Blick ist und keine Inszenierung.
Wer Hardship zelebriert, ist genauso einseitig wie wer nur die Sonnenseite zeigt. Beides ist nicht das ganze Bild.
Ruhe unter Druck heißt nicht, nie an die Katastrophe zu denken. Es heißt, sie vorher im Kopf durchlebt zu haben.
Ein guter Chirurg ist schnell, wo es sicher ist, und langsam, wo es gefährlich wird. Das gilt fürs ganze Leben.
Du kannst eine Wahrheit in einem Bereich beherrschen und sie überall sonst vergessen. „This time is different" ist die Lüge.
Häufige Fragen
Sollten Kinder durch gruselige Märchen lernen, sich zu fürchten?
Wir finden nicht. Auf reale Gefahren weisen wir unsere Kinder klar hin, das gehört dazu. Aber künstliche Angst beim Einschlafen, mit böser Hexe und weggenommenen Kindern, hat dort nichts zu suchen. Sich zum Spaß zu gruseln ist etwas anderes als ein echtes Gefahrenbewusstsein. Eckhart Tolle hat es zugespitzt: Der Mensch ist die einzige Spezies, die Vergnügen daran findet, anderen beim Leiden zuzusehen. Ob Abstumpfen durch Horror dem Charakter schadet, wissen wir nicht sicher. Überflüssig finden wir es trotzdem.
Hilft Instagram bei der Selbstreflexion oder ist es nur Inszenierung?
Für mich ist es weder noch ganz. Ich teile in der Retrospektive, also erst, nachdem ich ein Gefühl für mich verarbeitet habe, nicht als Live-Therapie. Ein therapeutisches Werkzeug ist Social Media damit nicht. Aber es kann eine ehrliche Form von öffentlichem Tagebuch sein, solange es der eigene Blick bleibt und nicht zur Inszenierung wird. Schön wird es, wenn etwas mit anderen resoniert. Der Unterschied liegt zwischen Herausforderungen zeigen und den Horror zelebrieren.
Was kann man von mentaler Vorbereitung im Spitzensport für den Alltag lernen?
Das Kernprinzip ist das mentale Durchspielen von Best Case und Worst Case. Michael Phelps hat vor Rennen auch den Ernstfall visualisiert, etwa eine volllaufende Schwimmbrille, und war dadurch im echten Moment nicht geschockt. Im OP funktioniert es genauso: schnell sein, wo es sicher ist, die Aufmerksamkeit für die gefährlichen Stellen aufsparen. Für den Alltag heißt das, sich Oasen zum Durchatmen zu schaffen und Wachheit gezielt einzusetzen, statt permanent angespannt zu sein. Die eigentliche Kunst ist, dieses Wissen über alle Lebensbereiche zu übertragen.
Mehr zum Thema Aufmerksamkeit, Pausen und innere Klarheit: Warum dein Kopf nie Pause hat (Folge 72) | Perfektion, Pausen und die Kunst des Loslassens (Folge 36) | New age Esoterik (Folge 18)
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In dieser Folge geht es ums Durchatmen und ums Wachsein, und darum, beides nicht zu verwechseln. Wenn du jemanden kennst, der ständig auf Hochspannung läuft, leite ihm die Folge weiter.
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