“Das könnte ich nicht. Von den Händen her.” Diesen Satz höre ich oft, wenn ich erzähle, was ich beruflich mache. Mikrochirurgie, unter dem Mikroskop, an Strukturen, die feiner sind als ein Haar. Gemeint ist es als Kompliment. Eigentlich heißt es: Ich bin nicht der Typ dafür. Und jedes Mal denke ich dasselbe. Du kannst doch deinen Namen schreiben.

Schreib einmal einen Buchstaben zwischen zwei Linien und schau dabei zu, wie viel sich an deiner Hand bewegt und wie genau das ist. Das ist Mikromotorik. Deine Nerven und Muskeln sind nicht schlechter ausgebildet als meine. Du hast es nur nie in diese Richtung trainiert. Pianisten lernen, einzelne Sehnen zu trennen, die bei den meisten Menschen zusammenlaufen. Auch das ist Übung, kein Wunder.

Worum es in dieser Folge geht

Wir wollten über Erfolg reden. Auf dem Papier haben Kat und ich die üblichen Häkchen gesetzt. Drei Kinder, jeder von uns zwei Berufe, eine Reihe erreichter Ziele. Und je länger wir sprachen, desto klarer wurde: Erfolg und das Abhaken von Milestones passen schlecht zusammen. Diese Folge handelt davon, was dich wirklich irgendwohin trägt. Weniger Talent, als du denkst. Mehr Charakter. Und eine unbequeme Frage: Wie oft ist “Ich bin nicht der Typ dafür” einfach nur bequem?

Warum “Ich bin nicht der Typ dafür” meine Lieblingsausrede ist

Wer ist denn der Typ für irgendwas? Niemand wird als Mikrochirurg oder Geigerin geboren. Hinter fast jeder Fähigkeit steht zuerst eine Entscheidung. Ich will das. Ob es klug ist, das zu wollen, steht auf einem anderen Blatt. Aber wenn du etwas wirklich willst, fragst du dich als Nächstes, wie du dahin kommst und was es dich kostet. Das Wollen kommt zuerst, alles andere ist Konsequenz.

Kat sieht das pragmatischer als ich. Wenn sie mir mit einem Ziel um die Ecke kommt, sagt sie, höre ich angeblich gern: nee, nee, not going to happen. Wir sind uns nicht immer einig, wie viel man planen und wie viel man einfach tun sollte. An einem Punkt treffen wir uns aber: Die Ausrede vom falschen Typ erspart einem die eigentliche Arbeit.

Talent ist überschätzt, Charakter wird übersehen

Wir gehen davon aus, dass die offensichtlichen Fähigkeiten den Unterschied machen. Medizinisches Wissen, eine ruhige Hand, schnelle Läufe auf der Geige. Dabei sind es viel öfter Eigenschaften, über die kaum jemand spricht. Geduld. Durchhaltevermögen. Biss. Gleichmut. Die Fähigkeit, weiterzumachen, wenn es gerade nichts hergibt.

Es fällt kein Wunderkind vom Himmel, das nie geübt hat. Egal wie viel Talent im Spiel ist, und ein großer Teil davon ist ohnehin frühe Förderung, du kommst nicht darum herum, deinen Charakter zu trainieren. Das ist die gute Nachricht. Geduld kann man üben, eine ruhige Hand auch. Der Typ, der man angeblich nicht ist, ist meistens nur der Typ, der man noch nicht geübt hat.

Erfolg ist nicht das Ziel, sondern wer du dabei wirst

Auf einem Retreat haben wir eine Definition gehört, die hängengeblieben ist. Es geht beim Erfolg nicht in erster Linie um das Ziel. Auch nicht um das abgegriffene “der Weg ist das Ziel”. Es geht darum, welche Person du wirst, um dieses Ziel überhaupt erreichen zu können.

Hier widerspricht Kat mir sofort, und sie hat recht. “Werden müssen” klingt nach Mangel und Mühe. Sie sagt lieber: befreien. Die Fähigkeiten sind oft schon da, du packst sie nur aus. Müssen wird zu dürfen. Das ist kein Wortspiel. Es entscheidet, ob du dich auf dem Weg verbiegst oder entfaltest.

Ganz einig sind wir uns trotzdem nicht. Ich glaube, viele Menschen sind unglücklich und ausgelaugt, weil ihnen ein vernünftiges Ziel fehlt. Kat sagt, sie entscheiden sich dagegen, Erfüllung zu leben. Was wir beide ablehnen, ist die Idee, dass man auf dem Weg zum Ziel jahrelang unglücklich und ungesund sein muss. Der Preis dafür ist zu hoch.

Arbeit darf sich gut anfühlen und du darfst Geld dafür nehmen

In vielen Gesprächen über Work-Life-Balance steckt eine Annahme: Arbeit ist ein notwendiges Übel, das man möglichst klein hält. Dabei darf Arbeit etwas geben, das du sonst nirgends bekommst. Nicht muss. Darf.

Bei Kats letztem Konzert habe ich das gesehen. Ein Trio, Stille, Bachs Goldberg-Variationen. In der Anspielprobe wollte die Cellistin gar nicht mehr aufhören, sie hat sich über eine einzige Passage gefreut wie ein Kind. Es ging nicht nur um das Publikum. Das Spielen selbst hatte für sie einen Wert. Ein befreundeter Kollege ruft mich manchmal an und erzählt mit derselben Begeisterung, was er gerade operiert hat. Er hilft einem Menschen und hat dabei Freude. Beides gleichzeitig.

Genau hier wird es für viele eng. Du darfst jemandem helfen und es genießen. Du darfst ein Konzert spielen und selbst etwas davon haben. Du darfst dafür auch noch bezahlt werden. Spätestens da fühlt es sich verdächtig an, als wäre Erfüllung etwas, das man sich erst verdienen muss.

Alfred Adler, gerade mein liebster Psychologe, hat den Beitrag zur Gemeinschaft ins Zentrum gestellt. Das erklärt, warum Menschen weiterarbeiten, die längst genug Geld haben. Das Tun selbst stiftet Identität. Erfolg ist dabei zutiefst individuell. Im Orchester ist für die eine der erste Pultplatz der Erfolg, für den anderen die Bühnentechnik hinter dem Vorhang, für die er nie Applaus bekommt. Kat blüht in Verantwortung auf. Andere empfinden genau das als Stress. Was bleibt, sind ein paar gemeinsame Zutaten: Die Freude muss stimmen, die Bezahlung auch, und du musst es dir erlauben.

Das Wesentliche ist der Moment, nicht die Stundenzahl

Du kannst beruflich erfüllt und gleichzeitig in Familie, Gesundheit und Beziehung glücklich sein. Die Gesellschaft tut oft so, als müsste man sich für das eine oder andere entscheiden. Das halte ich für ziemlich dumm. Am Ende des Lebens ist niemand stolz auf die Zahl der geleisteten Arbeitsstunden. Tragisch finde ich den Satz, den man von so vielen hört: Ich habe gar nicht mitbekommen, wie groß die Kinder geworden sind.

Wie man beides hält, ist Übung und kein Talent. Kat schreibt sich morgens auf, wofür sie dankbar ist, und das geht auch abends nach dem härtesten Tag. Heute war so einer. Zwei kranke Kinder, Doppelkoordination, fliegender Wechsel. Und trotzdem der vorbeifliegende Marienkäfer, den man im Sinne von Viktor Frankl im Moment noch wertschätzen kann. Auf die Frage, wie sie das macht, antwortet Kat trocken: indem sie um 22:44 Uhr mit ihrem Mann einen Podcast aufnimmt, obwohl beide längst schlafen sollten.

Eine fertige Antwort haben wir nicht. Wir stehen eher am Anfang unserer Weisheit und haben gerade erst einen Weg in ihre Richtung gefunden. Vielleicht ist genau das der Punkt.

Die wichtigsten Gedanken in Kürze

  • “Ich bin nicht der Typ dafür” ist meistens keine Tatsache, sondern eine Entscheidung gegen die Übung.

  • Wer seinen Namen schreiben kann, hat die Feinmotorik für sehr viel mehr. Es fehlt das Training, nicht die Anlage.

  • Über Talent reden alle, über Charakter kaum jemand. Geduld, Biss und Gleichmut tragen weiter als Begabung.

  • Erfolg ist weniger das Ziel als die Person, die du auf dem Weg wirst. Und besser im Modus “dürfen” als “müssen”.

  • Arbeit darf erfüllen, Spaß machen und bezahlt werden. Alles gleichzeitig, ohne schlechtes Gewissen.

  • Der Beitrag für andere stiftet Sinn. Deshalb hören Menschen nicht auf, die es finanziell längst könnten.

  • Beruf und ein erfülltes Privatleben sind kein Entweder-oder. Der teuerste Erfolg ist der, der dich unglücklich macht.

Häufige Fragen

Ist Erfolg dasselbe wie Glück? Nicht ganz. Erreichte Ziele haben einen echten Wert, und den darf man auch zeigen. Aber wir halten es für einen Irrtum, Erfolg an einem fernen Punkt festzumachen, an dem dann angeblich alle Probleme verschwinden. Was wir ablehnen, ist der Preis, jahrelang unglücklich und ungesund auf diesen Punkt hinzuarbeiten.

Braucht man für Erfolg vor allem Talent? In dieser Folge argumentieren wir dagegen. Die motorischen und kognitiven Grundlagen sind bei den meisten Menschen vorhanden und trainierbarer, als man denkt. Den Unterschied machen eher Eigenschaften wie Geduld, Durchhaltevermögen und Gleichmut.

Muss Arbeit anstrengend sein, um etwas wert zu sein? Nein. Arbeit muss sich nicht in jedem Moment gut anfühlen, sie darf auch fordern. Aber sie darf genauso erfüllen und Freude machen, und man darf stolz darauf sein und Geld dafür nehmen.

Episode anhören und abonnieren

Wenn dich die Frage “Bin ich wirklich nicht der Typ dafür?” schon mal beschäftigt hat, hör in diese Folge rein. Wir reden über Talent, Charakter und die Erlaubnis, Arbeit zu lieben. Ohne fertige Antwort, dafür ehrlich.

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