Stell dir vor: Um fünf Uhr klingelt der Wecker, wir lächeln uns an, schlagen die Augen auf und sagen „Hallo Tag, wie wundervoll“. Dann sprinten wir in Trainingsschuhen ins Wohnzimmer, wo längst alles bereitsteht, Zitronenwasser inklusive, und hüpfen zu Schalmeienklängen ins kalte Wasser. So läuft das bei uns. Jeden Morgen. Mit dem goldenen Löffel im Mund.
Nur stimmt davon kein einziges Wort.
Worum es in dieser Folge geht
Wir heißen edel abgefunkt, und der Name ist Programm in beide Richtungen. Edel, ja. Aber eben auch abgefuckt. In dieser Folge zeigen wir die zweite Hälfte, weil es ein paar Menschen gibt, die glauben, wir hätten unser Leben komplett im Griff. Haben wir nicht. Wir reden über Aussehen, Perfektionismus, Wäscheberge, einen Mietwagen, der sich nicht öffnen lässt, und die Frage, warum man sich nicht in Schubladen stecken muss. Die kürzeste Zusammenfassung steht am Ende. Sie lautet ungefähr: Es darf alles sein.
Der goldene Löffel, den es nie gab
Die Vorstellung, jemand habe sein Leben „voll krass im Griff“, ist meistens eine Projektion. Auf Instagram sieht man bestimmte Menschen nur gestylt, nur auf Empfängen, nur im perfekten Licht. Was man nicht sieht, ist der unaufgeräumte Frühstückstisch und der Morgen, an dem nichts klappt. Genau diese Lücke meinen wir, wenn wir vom abgefuckten Teil reden. Es geht nicht darum, sich runterzumachen. Es geht darum, die ganze Bandbreite zu zeigen, das Strahlen und das Scheitern, weil beides wahr ist. Und ehrlich gesagt haben wir an die Hochglanzversion noch nie geglaubt.
Eine Mütze rettet den Podcast
Das beste Beispiel saß während der Aufnahme direkt am Tisch. Nicco trägt eine Mütze, und das hat einen Grund. Am Abend ging es noch ins Hafenbecken, danach standen die Haare in alle Richtungen, grauer verwirrter Professor inklusive. Ein Blick in den Spiegel reichte: nicht podcastwürdig. Die Maske war längst nach Hause gegangen, der Aufwand stand in keinem Verhältnis, also Mütze drauf. Problem gelöst.
Darunter steckt mehr Inszenierung, als man denkt. Das feine Sakko stammt vom Lieblingsschneider in Mailand, Fusaro Antonio, der allerdings nicht weiß, dass er der Lieblingsschneider ist, und ohnehin aus Napoli kommt und kein Deutsch spricht. Beim Kauf sprangen noch zwei Manschettenknöpfe heraus. Edel also. Mütze trotzdem.
Katharina kennt den umgekehrten Knoten. Eigentlich würde sie gern immer gut aussehen, auch zu Hause, schöne Hausanzüge stehen längst im Schrank. Und gleichzeitig entspannt ihr ganzes Ich erst dann, wenn sie eben nicht gut aussieht. Das ist der tägliche Widerspruch, mit dem sie lebt. In Dänemark hilft das Umfeld: Hier ist im Grunde jeden Tag Casual Friday. In Kopenhagen sind sie modisch sowieso ein, zwei Saisons voraus. Der Punkt dahinter ist simpel und schwer zugleich: sich anziehen, wie man sich wohlfühlt, nicht, wie man glaubt, sich anziehen zu müssen.
Wie du eine Sache machst, machst du eben nicht alles
Es gibt diesen lähmenden Satz: Wie du eine Sache machst, machst du alles. Gern garniert mit Steve Jobs, der darauf bestanden haben soll, dass sogar die Innenseiten der Geräte schön gestaltet sind. Das stimmt. Nur erzählt man dabei selten die andere Hälfte: Jobs lebte lange in einem fast leeren Haus, saß auf dem Boden, weil ihm Einrichtung schlicht nicht wichtig genug war, um seinen Perfektionsanspruch durchzudrücken. Perfektionismus ist also kein Charakterzug, der überall gleich brennt. Er ist eine Entscheidung, wo man ihn einsetzt.
Bei uns ist das klar verteilt. Nicco im OP, Katharina auf der Bühne, da sind hundert Prozent Pflicht. Überall sonst gilt: good enough ist good enough. Perfektionismus ist oft sowieso nur eine elegante Ausrede, Dinge gar nicht erst zu machen, aus Angst, sie könnten nicht perfekt werden. Die befreiende Variante heißt: Du kannst vieles haben, nur eben anders, als du denkst. Diese Sache zu vierzig Prozent, jene zu sechzig, nicht alles zu hundert. Wer hat eigentlich behauptet, es gehe nur ganz oder gar nicht?
Für wen wäscht man eigentlich?
Die ehrlichste Frage des Abends kam beim Thema Wäsche. Ab wann landet ein Kinder-T-Shirt im Korb? Niccos Schwelle: mehr als zwei erkennbare Mahlzeiten. Katharinas: eine. Daran lässt sich der ganze Anspruch ablesen. Denn die eigentliche Frage ist nicht, wie sauber das Shirt ist, sondern für wen es sauber sein soll. Die Kinder kommen morgens makellos in den Kindergarten, und dreißig Sekunden später landet die Wasserfarbe drauf. Die Erzieher zucken längst mit den Schultern, in Dänemark werden die Kinder nach der Matschpfütze einfach abgespritzt. In dem Alter schwitzen sie nicht einmal. Wer hier erwachsene Maßstäbe anlegt, tut das selten für das Kind. Meistens repräsentiert man sich selbst.
Genau dieselbe Mechanik steckt im Schulweg. Früher ging es auf den letzten Drücker los, Katharina auf Inlineskates, den Anhänger vor sich her, durchaus stilvoll. Bis sie merkte, dass dieser Last-Minute-Modus mehr stresst als zehn Minuten früher loszufahren. Heute, mit bald vier Kindern, geht es um halb acht raus. Nicht aus Pflichtgefühl, sondern weil es entspannt. Der kleine Triumph an der Schultür, wenn die anderen noch abgehetzt entgegenkommen, ist ein netter Nebeneffekt, kein Antrieb.
Anspannen, abfucken, loslassen
Das schönste Symbol für den abgefuckten Teil steht auf einer Fähre. Wir, der einzige Haushalt, der noch nicht ins Auto kann, weil sich der winzige Renault Clio aus dem Carsharing nur per Internet entriegeln lässt und die App erst Festland-GPS braucht. Daneben der Urlaub, an den wir öffentlich anreisten: zwei Busse quer durch Schleswig-Holstein, am Kinderwagen baumelnd die Wickeltasche und zwei Plastikeimer mit Restnudeln aus dem Restaurant. Sah fertig aus. „Das zeigt, wie entspannt ich war“, sagt Katharina. Es ist ihr Urlaubsgefühl.
Dahinter liegt der Faden, der die ganze Folge zusammenhält, und er kommt aus unseren beiden Welten. Aus dem Yoga und aus der Medizin. Wer immer nur anspannt, zahlt dafür. Die Energie verschwindet nicht, sie sucht sich einen Ausgang, als Panik, als Krankheit, als Geschrei. Sympathikus und Parasympathikus, Anspannung und Entspannung, das ist keine Esoterik, das ist Nervensystem. Sich abfucken zu dürfen, ist die Gegenbewegung zum Dauerdruck. Am Ende steht deshalb kein Ratschlag, sondern eine Haltung: sich nicht in Schubladen stecken, sich nicht so ernst nehmen, keine Zugehörigkeit über Klamotten oder Autos beweisen müssen. Es darf alles sein.
Die wichtigsten Gedanken in Kürze
Der Name ist die These: edel und abgefuckt sind kein Widerspruch, sondern zwei Seiten desselben Lebens.
Das Hochglanz-Ich auf Instagram ist ein Ausschnitt, kein Mensch. Der Frühstückstisch wird selten fotografiert.
Perfektionismus ist oft Angst in schön und manchmal nur eine Ausrede, gar nicht erst anzufangen.
Hundert Prozent gehören dahin, wo es zählt. Überall sonst reicht good enough.
Vierzig Prozent hier, sechzig dort: Du kannst vieles haben, nur nicht alles gleichzeitig auf Anschlag.
„Für wen mache ich das?“ entlarvt fast jede Selbstoptimierung. Oft geht es um uns, nicht um die Kinder.
Wer nur anspannt, explodiert irgendwo. Sich abfucken zu dürfen, ist Teil der Balance.
Häufige Fragen
Was bedeutet der Name edel abgefunkt? Der Name trägt beide Pole gleichzeitig. Edel steht für das, was glänzt, das Sakko, die Bühne, der Anspruch. Abgefunkt steht für alles, was schiefläuft, die Mütze überm Hafen-Haar, die Restnudeln im Eimer, der Mietwagen, der sich nicht öffnen lässt. Wir weigern uns, nur die erste Hälfte zu zeigen, weil das ein verzerrtes Bild wäre.
Wie gehen Nicco und Katharina mit Perfektionismus um? Selektiv. Im OP und auf der Bühne gelten hundert Prozent, weil dort Fehler etwas kosten. In fast allen anderen Bereichen gilt good enough. Statt alles zu hundert Prozent zu erledigen, erlauben sie sich bewusst vierzig oder sechzig Prozent. Das nimmt den lähmenden Anspruch raus.
Warum reden sie ausgerechnet über Wäsche, Mützen und einen Mietwagen? Weil im Kleinen sichtbar wird, was im Großen zählt. An der Frage, ab welchem Fleck ein T-Shirt in die Wäsche kommt oder warum man pünktlich losfährt, hängt die größere Frage: Für wen tun wir das eigentlich?
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Diese Folge ist unser ehrlichstes Selbstporträt: edel, abgefuckt, und stolz auf beides. Wenn du sie hörst, lachst du an mindestens drei Stellen und denkst an einer Stelle: Stimmt eigentlich. Genau dafür machen wir das.
Instagram: https://instagram.com/edelabgefunkt
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